Der Tod raste vorbei

Twitter It!

Vor zwei Tagen stehe ich abends in Pfäffikon SZ auf Gleis 5 und warte auf meinen Zug. Es ist kalt und ich versinke in meiner Jacke. Plötzlich höre ich, wie jemand auf dem Gleis gegenüber auf die Schienen fällt. Ich drehe mich um und sehe einen grossen Mann. Torkelnd und mit einer Bierflasche und einer Bierdose bewaffnet rappelt er sich gerade auf und stapft über den Schotter, die Schwellen und Gleise zu meinem Perron. Och nein, einen Betrunkenen kann ich nun nicht gebrauchen – so sind meine ersten Gedanken.

Erst jetzt realisiere ich, dass auf dem Gleis vor meinen Füssen ein Schnellzug naht, der ohne Halt vorbeifahren wird. Der Betrunkene wankt direkt auf dieses Gleis zu. Ich rufe ihm zu, er solle umdrehen, da ein Zug kommt. Der Mann schaut mich bloss an und wankt Schritt für Schritt weiter. Mittlerweile hat der Lokomotivführer den Mann ebenfalls gesehen und der Zug hupt ohrenbetäubend während er immer näher heranrast. Ich bin nun wie auf Nadeln und schreie denn Mann an: “ACHTUNG EIN ZUG!” Der Betrunkene scheint nun gemerkt zu haben was ihm droht. Nervös versucht er die Perronkante zu erreichen. Mittlerweile ist der Zug nur noch wenige Meter von mir und dem Mann entfernt. Das Pfeifen der Bremsen und das Horn der Lokomotive sind gleich da.
Die letzten zwei Sekunden bis zum Aufprall laufen mir wie in Zeitlupe vor den Augen vorbei: Schreiend gucke ich abwechselnd auf den Mann und auf die Lichter der Lokomotive. Ich überlege in Sekundenbruchteilen, ob ich dem Mann meine Hand zustrecken soll. Es hätte gereicht, dass ich meinen Arm ausgestreckt hätte. Irgendwas aber sagt mir: Zurücktreten und umdrehen! Ich habe die Augen geschlossen und auf den Aufprall gewartet. In meiner Vorstellung sehe ich bereits die Leichenteile und Blut überall und paradoxerweise kommt mir ebenfalls in den Sinn, dass ich wohl meinen Zug verpassen werde. All das in den letzten zwei Sekunden…

Der Aufprall kam nicht. Ich hätte mein Leben verwettet, dass es dem Mann nicht mehr auf das Perron reicht. Ich war mir hundertprozentig sicher, dass er von der Lokomotive erfasst wird. Mein letztes Bild vor den Augen zeigen den Mann UND die Lokomotive auf denselben anderthalb Metern. Aber offensichtlich gibt es Schutzengel. Ich kann mir sonst nicht erklären, weshalb der Mann nun vor meinen Füssen da lag, die zerschlagene Bierflasche in der blutenden Hand. Ansonsten auf den ersten Blick unversehrt. Irgendwie hat es ihm gereicht. Irgendwie hat er überlebt.

Neben uns kommt der Zug funkensprühend zu stehen. Meine Knie schlottern und ich habe einen seltsamen Geschmack im Mund. Zuerst denke ich, dass es von dem Eisenstaub der Bremsen kommt. Erst Minuten später werde ich merken, dass ich mir auf die Zunge gebissen habe.
Ich helfe dem Mann aufzustehen und kann nur stammeln: “Das war knapp, Mann!” Er guckt mich an und sagt mit einer festen Stimme: “Sorry Mann, tuet mer leid.” Mit diesen Worten dreht er sich um und taumelt die Treppe zur Unterführung runter.

Aus dem hinteren Teil des Zuges kommt der Zugbegleiter telefonierend anzurennen. Mit einer Taschenlampe leutet er unter die Wagen. Als er bei mir angekommen ist, erzähle ich ihm das Vorgefallene. Währenddessen trifft auch der Bahnhofsvorstand ein und will die Geschichte hören. Er macht sich dann sogleich auf, den Betrunkenen zu finden. Auch der Lokomotivführer kommt dahergelaufen. An den Fenstern des stehenden Zuges stehen die Fahrgäste und schauen auf die Szenerie auf dem Perron. Nach etwa 5 Minuten und viel herumtelefonieren und -funken fährt der Schnellzug weiter.

Wieder alleine auf dem Perron stehe ich da und begreife immer noch nicht ganz, was passiert ist. Ich würde gerne eine Zigi rauchen, aber vor lauter Bammel finde ich das Feuer nicht. Plötzlich steht eine ältere Frau neben mir und sagt: “Manche Menschen haben mehr Glück als sie verdienen. Den Säufer hätte es erwischt, wenn Sie ihn nicht angeschrieen hätten.” Ich schaue die Frau fassungslos an und bringe kein Wort raus. Ich weiss nicht mehr, was mich mehr schockierte: Ihr verstecktes Bedauern, dass der Mann nicht erfasst wurde oder die Aussage, dass ich dem Mann das Leben gerettet haben soll. Ich stehe bloss da und starre wortlos auf den ankommenden Regionalzug. Beim Einsteigen achte ich drauf, dass ich nicht in den selben Wagen wie die ältere Frau einsteige.

Seit diesem Erlebnis sind nun zwei Tage vergangen. Ich habe das ganze immer noch nicht so richtig verarbeitet und immer wieder spielt sich die Szenerie in meinem Kopf ab. Insbesondere eine Frage stelle ich mir dabei immer wieder: Weshalb habe ich dem Mann meine Hand nicht gegeben? Ich glaube ich fürchtete ich mich davor mitgerissen zu werden. Diese Furcht und die Entscheidung, den Arm zurückzuziehen und das anschliessende Umdrehen, all das muss urinstinktiv im Unterbewussten passiert sein. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Das Niederschreiben des Erlebnisses hilft mir beim Verarbeiten und Ordnen meiner Gedanken. Eines weiss ich aber mit Sicherheit schon jetzt: Das war eines der heftigsten Erlebnisse meines Lebens bisher!

Verwandte Beiträge:

7 Antworten auf “Der Tod raste vorbei”


  • schreien hilft manchmal! manchmal nicht. dann ist eine hand von nöten.
    danke für diese geschichte!!

  • mein leben war/ist geprägt von solchen ereignissen….und ich möchte dir sagen:schreib,rede,erzähle…immer wieder!und wenn dich die bilder einholen, oder ein geräusch etc. versuch dich mit einer meditation abzulenken, oder mit einer qi qong übung(hilft mir immer am besten) etc.
    falls du mich in dieser hinsicht brauchst reicht ein mail :-)

    viel energie dir

  • ich bin froh, dass schreien gereicht hat. ich glaube nicht, dass ich etwas anderes im stande gewesen wäre.

    einen knacks habe ich von diesem ereignis nicht davongetragen. zumindest wäre mir das bis jetzt nicht bewusst. aber zum nachdenken über gott und die welt hat es mich schon gebracht.

  • ab mittwoch wird ja ein frischer wind durch bern und deine wohnung wehen, hoffentlich wird das auch ein bischen dieses ereigniss aus deinem kopf wehen…

    …und hüt heisch ja ä schöne YB mätch dörfe luege was ja o positivi enrgie cha uslöse!

  • puh, ich weiss auch nicht, wie ich reagiert hätte.
    könnt fast eine art moderne weihnachtsgeschichte sein. irgendwann wirst du davon profitieren, dass du diesem typ das leben gerettet hast!

  • Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass die ältere Frau ebenfalls gesehen hat, dass der Mann auf den Gleisen stand, jedoch nicht geholfen hat? Unterlassene Hilfeleistung. Danke für deine Zivilcourage.

  • nee, von dem blickwinkel aus habe ich das noch gar nie betrachtet.

Hinterlasse eine Nachricht


ACHTUNG: Dieser Beitrag ist über 3 Jahre alt. Vielleicht gibt es in diesem Blog bereits aktuellere Beiträge zu diesem Thema. Versuche doch mal eine Suche...