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Tag 1: Bern – St. Malo (11.11.07)

Reisebericht unserer Tour de France.

Heute geht es also los. Die Koffer sind gepackt und mit dem Tram geht es zum Bahnhof. Dort kaufen wir uns am Bahnschalter die Tickets für unsere Tour de France. Wir kaufen uns einen preiswerten und praktischen Interrail One Country Pass für Frankreich. Während die Tickets ausgestellt werden entdecken wir im Hintergrund des Schalters einen kleinen Zettel an die Wand gepinnt: „Streik der SNCF ab Dienstag, Dauer unbestimmt.“
Wir lassen uns davon nicht beeindrucken, wird schon irgendwie klappen. Und Streiks gibt es ja bei den ausländischen Bahngesellschaften immer wieder. Die Dame am Schalter macht uns auch nicht auf den Streik aufmerksam und wir uns daher auch keine weiteren Gedanken.

Mit dem TGV geht es via Neuenburg (wunderbarer Blick über den See) durch den verschneiten Jura. Das Val de Travers habe ich noch nie bei Sonne und guten Wetter erlebt, aber die Landschaft hat auch so ihren ganz speziellen Reiz.
Schon bald tauchen die adrett gekleideten französischen Grenzbeamten im Zug auf. Von uns beiden wollen sie nichts wissen, aber der Passagier neben uns scheint ihrem Auge aufgefallen zu sein. Nach der Kontrolle seiner Dokumente werden auch noch seine Taschen durchsucht. Was ein älterer Herr, der alleine und mit wenig Gepäck reist mit einer grossen Packung Tampons anfangen will frage nicht nur ich mich, sondern provoziert auch den Argwohn der Grenzbeamten. Nachdem sie aber auch seine Kleider, die er anhat durchsucht haben, scheinen sie befriedigt und lassen ihn in Frankreich einreisen.

Bei Frasne gibt es einen ersten Halt von 12 Minuten. Wir nutzen die Gelegenheit und machen draussen im Schneeregen eine Rauchpause. Dass beim wettergeschützten Unterstand eigentlich Rauchverbot gilt, kümmert hier niemanden. Telefonisch erkundigt sich mein Vater, wie das denn nun genau mit dem Blog funktioniert. Man will ja auf den laufenden bleiben. Nachdem der Unterschied zwischen Mailprogramm und Browser erklärt ist, klappt es auch mit dem anschauen. Das erste Bild ist ja schon zu sehen…

Ab Dijon wird das Wetter zunehmend besser, der Regen hört auf. Auffallend: die Gegend die wir durchfahren ist sehr dünn besiedelt, es überwiegen die Brachflächen und vereinzelte Bauernhöfe. Nebst der Gegend beschäftigen wir uns mit Kreuzworträtseln und essen Prix Garanti-Salami. Später bessere ich mein Allgemeinwissen mit der Lektüre eines PM auf. Doch auch das kann nicht alle Fragen klären, die bei einer solchen Zugfahrt plötzlich auftauchen. Wie heissen wohl die ganz kleinen roten Käferchen, die man im Sommer am Waldrand und auf Tockenmauern findet?

Kurz nach 13 Uhr taucht plötzlich Paris auf. Sozusagen aus dem Nichts, nach langer Fahrt durch weite, flache Flächen findet man sich plötzlich mitten in der Grossstadt. Dabei sind wir doch erst gerade in Bern in den Zug eingestiegen…

In Paris ist es trocken, die Luft scheint wärmer zu sein. Wir marschieren durch den Gare de Lyon, vorbei an erstaunlich vielen Flics hinunter in die Katakomben der Métro. Der Geschmack der Métro ist immer noch derselbe, für mich nicht unangenehm denn mit dem Gefühl von Paris fest verbunden. Und auch der Signalton vor dem Schliessen der Türen ist immer noch derselbe. Man fühlt sich gleich irgendwie vertraut. Ich frage mich, wieviele verschiedene Türschliesssysteme es in den Métros weltweit gibt. Noch nie sind mir in einer Stadt dieselben Systeme begegnet.

Rollstuhlfahrer sind in der Métro nicht vorgesehen. Die unzähligen Treppen und engen Gänge sind ein unüberwindbares Hindernis. Wir leiden in unseren Wintermänteln in der Hitze der Katakomben und schleppen keuchend unsere Koffer über die Treppen. Umsteigen in Châtelet.

Beim Bahnhof Montparnasse angekommen gönnen wir uns eine Zigi und verschnaufen am Fusse des Turmes. Gleichzeitig organisieren wir telefonisch das Pflanzengiesssen zuhause, schon praktisch wenn man den Hausabwart zu seinen Freunden zählen kann…

In einem typischen Café neben dem Bahnhof lassen wir uns nieder und trinken schalen Kaffee und eine Préssion. Wir bestaunen den Garçon der aussieht und sich bewegt wie ein alter englischer Butler, fehlt bloss noch das Bärenfell am Boden über das er stolpert. So aber stolpert er bloss über Füsse und Koffern. Auf dem Klo (typisch: auch das grosse Geschäft erledigt man im Stehen) gibt es kein Licht, resp. erst nachdem man sich im Dunkeln einschliesst. Darauf muss man zuerst kommen…

Der TGV nach Rennes ist proppenvoll und wir haben in Bern bloss noch Sitzplätze in zwei verschiedenen Wagen bekommen. Trotz Interrail Pass muss in den TGVs jeweils ein Sitzplatz reserviert werden. Das kostet aber kaum was, zwischen 1.50 und 6 €.
Mir gegenüber war noch ein Platz frei, den haben wir dann auch gleich in Beschlag genommen. Wer zu spät kommt (und sich nicht traut zu fragen) den bestraft das Leben…

Meine Sitznachbarin lernt englisch und nimmt nach einiger Zeit ihren Laptop hervor. Ich wage ein paar Blicke und amüsiere mich über das französchische Windows. Man kennt ja die Abneigung der Franzosen gegenüber Anglizismen…

Gegen Westen taucht die Sonne zwischen den Wolken auf, wir fahren offensichtlich dem guten Wetter entgegen. Wieder beeindrucken mich die weiten Flächen und schönen Herbstwälder. In unseren Kopfhörern liefert Sigur Rós einen perfekten Soundtrack zu den Bildern, die an uns vorbeihuschen.

Langsam werden die Häuser kleiner, ihre Fenster höher und schmaler. Der Putz weicht immer häufiger einer nackten Steinmauer. Mittlerweile blendet uns die Abendsonne und hinter einer Kurve taucht unvermittelt ein Schlösschen wie aus dem Legokarton auf. Würde nicht die Tricolore auf dem Turm wehen, könnte man meinen man sei im Mittelalter angekommen.

In Rennes verlassen wir den TGV. Ich frage mich, wieso es 2nde classe heisst und nicht 2ième classe heisst.
Wir steigen in einen nigelnagelneuen und sehr edlen Zug ein, Marke Bombardier. Sehr hell und übersichtlich, dagegen wirkt selbst der Thurbo etwas fahl. Wir spielen Trivial Pursuit und fahren in die Dämmerung. Etwa um halb sieben Uhr kommen wir in St. Malo an.

Gleich beim Verlassen des Zuges fällt uns auf: das Meer ist gleich in der Nähe. Es gibt nichts erfrischenderes als eine Meeresbrise die einem um die Nase weht. Trotzdem ist es überraschenderweise nicht kalt. Da wir keine Karte vom Ort dabeihaben, laufen wir einfach der Nase nach, denn unsere Unterkunft liegt ganz in der Nähe des Strands.

Um 1840 Uhr ist es dann soweit: wir haben das Meer vor uns! Obwohl schon unzählige Male gesehen, ist der Anblick der stiebenden Wellen und der Duft der Gischt immer wieder ein geniales Erlebnis. Wir würden am liebsten gleich stehenbleiben, machen uns dann doch auf den Weg Richtung Auberge de Jeunesse und bekommen dort ein Zweierzimmer für 36 € die Nacht. Die Koffer lassen wir aber gleich stehen, denn es zieht uns gleich wieder an den Strand.

Auf einer schmalen Mauer wagen wir uns balancierend 50 Meter auf einen Felsen im Wasser, an dem sich ringsherum die Wellen brechen. Mitten in der Finsternis, tobende weisse Wellen um uns herum und eine feuchte Brise um den Kopf: ganz schön romantisch…!

Nachdem wir unsere Lungen zur Genüge mit frischer Meeresluft gefüllt haben macht sich der Hunger bemerkbar. Wir entscheiden uns für eine kleine Pizzeria und geniessen hauchdünne Pizzas (Margarita und beaucops de fruits de mer) mit einem guten (aber preiswerten) Tropfen Bordeaux.

Zurück in der Auberge de Jeunesse verkriechen wir uns ins Bett und spielen noch eine Runde Eile mit Weile. Die Nacht wird kalt, denn aufgrund etwas üblem Geruch des Zimmers schlafen wir bei sperangeloffenem Fenster. Wir nutzen denn auch bloss eines der beiden Betten…

Enfin!

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Nach 5 Stunden warten in Paris endlich ein Zug in die Schweiz.

Die Metro fährt!

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TGV zwischen Le Mans und Paris

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